Interstitium
Interstitium & Faszien – wie vernetzt ist unser Körper
Was ist das Interstitium? Was hat es mit Faszien zu tun? Und warum ist es für das Bewegungstraining so spannend?
Interstitium, Faszien und die Frage, wie vernetzt unser Körper wirklich ist
Im Mai 2026 ist in der New York Times ein Artikel über das sogenannte Interstitium erschienen. Dieser hat viel Aufmerksamkeit bekommen, was kein Wunder ist: Sobald es um mögliche „neu entdeckte“ Strukturen im Körper geht, ist das Interesse groß. Auch wenn dabei medial gern etwas zugespitzt wird, berührt das Thema eine wirklich spannende Frage: Wie vernetzt ist unser Körper eigentlich?
Genau an diesem Punkt wird es auch für das Thema Faszien und Bewegung interessant.
Der Körper ist kein Baukasten
Wer sich mit Faszien, Pilates oder bewusster Bewegung beschäftigt, merkt schnell: Der Körper funktioniert nicht wie eine Ansammlung einzelner Teile. Vieles hängt zusammen. Bewegung an einer Stelle wirkt sich oft auch auf andere Bereiche aus. Spannung, Haltung, Atmung, Belastung und Bewegungsmuster beeinflussen sich gegenseitig. Das ist keine esoterische Idee, sondern entspricht immer mehr dem modernen Blick auf den Körper: als vernetztes System. Und ein System ist nicht einfach eine Summe all seiner objektiven Teile.
Good to know:
Der Begriff „Anatomie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Aufschneiden“ oder „Zergliedern“. Unser Wissen und die medizinische Lehre ist daher davon geprägt, den menschlichen Körper in Einzelteilen zu betrachten. Doch immer öfter wird klar, wir können unseren Körper nicht länger in Einzelelementen denken, sondern müssen einen ganzheitlichen Ansatz in Betracht ziehen.
Was ist das Interstitium?
Vereinfacht gesagt bezeichnet das Interstitium flüssigkeitsgefüllte Zwischenräume im Gewebe, zwischen den Zellen. In einer vielbeachteten Veröffentlichung* aus dem Jahr 2018 beschrieben Forschende die Räume als weit verbreitetes, mikroskopisch sichtbares Netzwerk aus Flüssigkeitsräumen, das unter anderem unter der Haut, im Verdauungstrakt, in der Lunge und entlang der Gefäß -und Muskelfaszien vorkommt.
Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, dass plötzlich ein komplett neues Organ entdeckt worden wäre. Vielmehr wurden bekannte Gewebestrukturen genauer untersucht und in ihrer Bedeutung neu eingeordnet. Spannend ist das vor allem deshalb, weil es den Blick auf den Körper als zusammenhängendes Gewebe- und Flüssigkeitssystem weiter stärkt.
Was hat das mit Faszien zu tun?
Faszien sind ebenfalls ein körperweites Netzwerk, das Muskeln, Organe, Nerven, Gefäße, Knochen, Sehnen und Bänder umhüllt, verbindet und strukturiert. Sie geben dem Körper Form, unterstützen die Kraftübertragung und spielen eine wichtige Rolle für Beweglichkeit, Haltung und Körperwahrnehmung. Faszien und Interstitium lassen sich als eng verbundene Teile eines größeren Bindegewebssystems verstehen: Die Faszien geben Struktur und Spannung während das Interstitium die flüssigkeitsgefüllten Zwischenräume im Gewebe beschreibt.
Wenn man Bewegung, Faszien und Interstitium zusammendenkt, wird klar: Der Körper arbeitet nicht in isolierten Einzelteilen, sondern in Verbindungen, Spannungsverläufen und Gewebeschichten, die miteinander kommunizieren und aufeinander reagieren.

Faszien sind mehr als eine Hülle
Lange Zeit wurden Faszien eher als Hüll- oder Verpackungsstrukturen betrachtet. Doch das greift zu kurz. Faszien reagieren auf Zug, Druck, Belastung und Bewegung. Sie bestehen aus Bindegewebe mit Kollagen, Elastin, Wasser und Grundsubstanz und können je nach Bereich stabil, elastisch oder gleitfähig aufgebaut sein. Außerdem sind Faszien nicht einfach nur passives Material. Sie sind reich innerviert, also mit Nervenendigungen durchzogen. Das macht sie relevant für Körperwahrnehmung, Propriozeption und möglicherweise auch Schmerzempfinden.
Warum dieses Wissen für Bewegung so spannend ist
Wenn Gewebe vernetzt ist, dann ist auch Bewegung vernetzt. Genau deshalb ist es oft zu kurz gedacht, nur einzelne Muskeln isoliert zu trainieren. Wer den Körper besser verstehen will, sollte auch verstehen, wie Strukturen, Netzwerke und Bewegung zusammenwirken. Genau hier setzen Pilates und Faszientraining an. Sie betrachten den Körper nicht als Sammlung von Einzelelementen, sondern als funktionelles System.
Beispiele
Der Körper ist dynamisch, anpassungsfähig und in vieler Hinsicht miteinander verbunden. Wer sich unbeweglich oder verspannt fühlt, erlebt meist nicht das Problem eines einzelnen Muskels, sondern eher ein Zusammenspiel aus Haltungsmustern, Stress, Bewegungsmangel, einseitiger Belastung und allgemeiner Gewebespannung. Gerade deshalb kann es so hilfreich sein, den Körper nicht nur lokal, sondern als Ganzes zu betrachten. Bewegung und Training wird dann zur bewussten Pflege für das gesamte System und nicht zur „Reparatur“ einzelner Stellen.
Ein moderner Blick auf unseren Körper
Der aktuelle Blick auf Interstitium und Faszien macht vor allem eines deutlich: Unser Körper ist sehr viel stärker vernetzt, als viele klassische Vorstellungen es lange vermittelt haben. Flüssigkeit, Bindegewebe, Spannung, Wahrnehmung und Bewegung greifen eng ineinander. Für die Arbeit mit Faszien, Pilates und bewusster Bewegung ist das eine spannende Bestätigung. Denn es zeigt, dass es nicht nur um einzelne Muskeln geht, sondern um das Zusammenspiel des gesamten Körpers. Und genau dort entsteht oft das, was wir uns wünschen: mehr Beweglichkeit, mehr Leichtigkeit und ein besseres Gefühl im eigenen Körper.
QUELLEN
*Quellen zum Nachlesen:
Cooper A.Z. (2026). New York Times, Inside the Interstitium
Gurtner, K., (2025). Faszien im Fokus, Verbindendes netz für Körper-Geist-Integrität
Fede C., et al. (2022). Fascial Innervation: A Systematic Review of the Literature.International Journal of Molecular Sciences.
Benias P.C.,et al. (2018). Structure and Distribution of an Unrecognized Interstitium in Human Tissues. Scientific Reports.
Schleip R., Jäger H., Klingler W. (2012). What is ‘fascia’? A review of different nomenclatures. Journal of Bodywork and Movement Therapies.
