Bewegung und Psyche
Was Bewegung mit deiner Psyche macht
Interview mit Mental Coach Anja Buntz über Pilates, Stress und innere Balance.
Was Bewegung mit deiner Psyche macht:
Interview mit Mental Coach Anja Buntz
Wenn wir an Bewegung oder im speziellen Pilates denken, denken wir meistens zuerst an unseren Körper. Doch was passiert eigentlich im Kopf, während wir uns Atemzug für Atemzug durch eine Übungsreihe bewegen? Warum fühlen sich viele nach einer Stunde Pilates nicht nur körperlich, sondern auch geistig spürbar anders?
Genau dieser Frage gehe ich in diesem Artikel gemeinsam mit Anja, Mental- und Life-Coach und Entspannungstrainerin nach. Als Pilates- und Faszien-Trainerin erlebe ich in meiner täglichen Praxis, wie eng Bewegung und mentales Wohlbefinden miteinander verwoben sind. Anja bringt den psychologischen Blick dazu: Woher kommt Stress, wie wirkt Achtsamkeit aus und was bedeutet Körperhaltung eigentlich für unser Selbstbewusstsein?
Herausgekommen ist ein Gespräch, das zeigt: Wer an seinem Körper arbeitet, arbeitet automatisch auch an seinem Kopf.
Lass mich dir Anja kurz vorstellen:

Anja Buntz ist Mental- und Life-Coach mit einem Master of Arts in Supervision, Organisationsberatung und Coaching sowie einer mehrjährigen, fundierten Ausbildung zum Mentalcoach mit den Schwerpunkten Mentaltraining, Achtsamkeit, Entspannungstechniken und Kommunikation. Seit 2017 begleitet sie Frauen und Organisationen. Ergänzt wird ihre Arbeit durch eigene Buch- und Podcast-Projekte, in denen sie ihr Wissen rund um Persönlichkeitsentwicklung und mentale Stärke weitergibt.
Anja und ich haben uns 2022 in Österreich kennengelernt, haben seither unsere Lebenswege verfolgt und fanden es nun an der Zeit mal wieder ein gemeinsames kleines Projekt zu starten.
DAS INTERVIEW
Wie wirkt sich Bewegung generell auf unsere Psyche aus?
Bevor wir ins Detail gehen, lohnt sich der Blick aufs große Ganze: Was passiert eigentlich grundsätzlich in unserem Kopf, wenn wir uns bewegen? Anja, kannst du das für uns aus psychologischer Sicht einordnen.
„Die positive Resonanz wirkt über den Kopf hinaus, sie ist breitgefächert. Das reicht von Stressbewältigung über bessere Schlafqualität bis hin zu emotionaler Balance und mehr Selbstvertrauen. Grund dafür ist unsere kleine Power-Armee aus Botenstoffen, wie Endorphine, Serotonin und Dopamin, die durch Bewegung verstärkt aktiviert wird. Diese Neurotransmitter arbeiten in unserem Nervensystem und sorgen z. B. dafür, dass wir Anspannung loslassen können und uns in unserer Haut wohler fühlen.“
Das deckt sich total mit dem, was ich in meinen Stunden beobachte. Viele meiner Kundinnen und Kunden kommen gestresst und mit vollem Kopf zu mir – und verlassen die Matte spürbar ausgeglichener.
Kann Bewegung – Pilates – bei Stress konkret helfen?
Anja, du bist Expertin für Entspannungstechniken. Bestimmt erlebst du in deinen Coachings auch, dass Stress für viele der Alltagsbegleiter Nummer eins ist. Kannst du erklären, was Stress eigentlich ist und wie genau ein eher ruhiges und kontrolliertes Training wie Pilates hier ansetzen kann? Wie unterscheidet sich das von klassischem Cardio-Training?
„An dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass Stress per se nicht schlecht ist. Es gibt auch eine gute Art von Stress, den sogenannten Eustress. Wenn wir z. B. aufgeregt sind, weil ein schönes Ereignis bevorsteht. Die Reaktionskette im Organismus ist im Kern exakt die gleiche, wie wenn wir morgens zu spät aus dem Haus kommen, im Stau stehen und das erste Meeting gleich beginnt. In dieser Situation erleben wir den Distress. Worauf es ankommt, ist der Umgang mit Stress im Anschluss. Besonders der Distress braucht eine aufmerksame Nachsorge – sofern er zum Dauerzustand wird.
Hier helfen Methoden wie Cardiotraining und Pilates. Während wird beim Cardio den Puls nach oben treiben und dadurch stimmungsfördernde Botenstoffe aktivieren, als auch den Abbau des Stresshormons Cortisol fördern, legen wir bei Pilates den Fokus auf den Stressabbau durch Ruhe, Kontrolle und Bewusstsein. Werte, die wir in unserem schnelllebigen, volatilen und informationsüberfluteten Leben wieder verstärkt suchen. In einer Stunde Pilates gelingt es uns, unser Nervensystem zu beruhigen, Verspannungen zu lösen und unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst zu lenken – wir zentrieren uns.“

Genau, Pilates lenkt den Fokus zwingend nach innen: Auf die Atmung, auf die Körpermitte, auf die Präzision der Bewegung. In diesen Momenten ist einfach kein Platz mehr für Grübelei und Gedankenkarussell.
Ich glaube, Pilates wirkt gerade deshalb so gut gegen Stress, weil es auch Anspannung und Entspannung im ständigen Wechsel trainiert. Wir aktivieren bewusst Muskeln – und lassen genauso bewusst wieder los. Diese Fähigkeit, gezielt loszulassen, kennen viele aus ihrem Alltag nicht.
Könnte man vielleicht sogar sagen, dass in Pilates auch ein Achtsamkeitstraining steckt? Immerhin gilt Fokus/Konzentration als eines der Grundprinzipien der Methode.
„Hier würde ich gerne ein Thema voranstellen, das mir persönlich und in meiner Arbeit am Herzen liegt. Ich bin der Meinung, dass wir uns von der Konditionierung des Stresses distanzieren sollten. Indem ich mir selbst oder meinen Mitmenschen permanent erzähle, dass ich Stress habe, impfe ich mir diesen Zustand gewissermaßen ein.
Daher nutze ich bevorzugt den Ansatz, das Bewusstsein auszuprägen und zu trainieren. Denn auch Distress muss nicht zwingend schlecht für mich sein. Im Gegenteil, wenn ich aufmerksam bin und bewusst wahrnehme, was in mir vorgeht, wenn ich mich in Stresssituationen befinde, dann kann ich mich selbst regulieren und mir genau das geben, was ich in einer herausfordernden Phase benötige, z. B. ein frühes zu Bett gehen, einen langen Spaziergang durch den Wald, eine Stretching-Einheit, eine Jogging-Runde oder eben Pilates. Dieses Prägen des Bewusstseins fördert darüber hinaus Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit – „Methoden“, für die es mich als Coach gar nicht mehr braucht. *lacht*

Nun die Brücke zu deiner Frage, liebe Sabine: Da sich Pilates verstärkt mit der Thematik Fokusbildung und Konzentration befasst, ist es in jedem Fall auch ein Training der Achtsamkeit. Durch die Zentrierung fokussiere ich mich, ich kehre gedanklich und energetisch zu mir selbst zurück und bin dadurch in der Lage, mich zu spüren, wahrzunehmen und zu entscheiden, was ich in meiner aktuelle Lebensphase brauche. Genau dann bin ich aufmerksam und in der Folge achtsam.“
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Wie hängen Körperhaltung und Selbstbewusstsein zusammen?
Wer aufrecht steht, wirkt automatisch präsenter. Aber ist da auch wissenschaftlich etwas dran, und was sagt die Coaching-Perspektive dazu?
„Der passende Begriff hierfür lautet Embodiment. Der Körper ist die Brücke zum Geist und der Geist nimmt Einfluss auf unseren Körper – sie sind untrennbar miteinander verbunden. Dazu gibt es die traditionellen, klassischen Techniken, die Progressive Muskelentspannung und das Autogene Training, wo wir dies eindrücklich erleben können. Und Pilates reiht sich hier mindestens genauso wirkungsvoll ein. Sobald ich die Körperhaltungen ausführe, den Fokus und die Ruhe praktiziere, kann ich dies ebenso für meinen Geist bewirken.
Ein kleines Experiment:
Positioniere dich aufrecht und stabil stehend, beide Füße sind parallel und hüftbreit auseinander. Die Schultern rollst du einmal nach hinten, dein Hals wird sich lang und der Kopf ist gerade nach vorne gerichtet. Deine Arme lässt du entspannt seitlich am Körper hängen. Nun nimm dir Zeit wahrzunehmen, wie du dich fühlst und welche Emotionen sich in dir ausbreiten. Im Anschluss lässt du die Schultern nach vorne kippen, den Kopf nach vorne sinken und den Blick richtest du vor dir auf den Boden. Deinen Rücken beugst du ebenfalls etwas nach vorne und du beugst leicht die Knie. Nun beobachte erneut: Wie fühlst du dich? Würdest du so in ein schwieriges Gespräch starten?“
Das ist ein sehr gutes Beispiel, eine kleine Bewegung, die so viel mit uns macht. Eine aufgerichtete Haltung ist eines der zentralen Trainingsziele im Pilates – nicht nur aus orthopädischen Gründen, sondern weil sie tatsächlich etwas mit dem Gefühl macht, mit dem wir durch den Tag gehen. Das habe ich auch an mir selbst erleben dürfen.

Siehst du einen besonderen Bezug zu Frauen?
Du bietest spezielles Coaching für Frauen an. Mut, Selbstvertrauen und Veränderung sind Themen, die dir am Herzen liegen und um die es auch in deinem Buch „Nie zu wissen, wo man hingehört“ geht. Das Buch richtet sich an „starke Frauen“. Ich finde diesen Ausdruck so passend, weil stark ja sowohl ein körperlicher wie auch mentaler Aspekt ist. Magst du etwas mehr darüber erzählen?
„Im Verlauf meiner eigenen Entwicklung und folglich auch bei meiner Arbeit als Coach habe ich die Perspektive hinsichtlich des Wertes Stärke verändert. Insbesondere wir Frauen haben hier noch einige Hausaufgaben zu erledigen – inklusive mir selbst. Stärke darf sich entfernen von „etwas möglichst lange aushalten“ oder „etwas alleine bewältigen“ oder „alle im Umfeld glücklich machen“ oder – sehr angesagt – einen „physisch getrimmten Körper haben“ und sich annähern an: Stark sein und sich selbst begegnen können. Das bedeutet den Mut zu haben, sich selbst ganz und gar zu sehen, sich radikal ehrlich beschreiben zu können, wer ich bin, mit all meinen Facetten, und gleichzeitig eine große, liebevolle Haltung in sich zu entfalten. Das Thema Stärke aus einem komplett anderen Blickwinkel zu betrachten, darauf habe ich mich spezialisiert. Frauen dabei zu begleiten, dass sie sich in all ihrem Sein begegnen können und eine völlige Akzeptanz dessen, was im Moment da ist, zu entwickeln. Und darauf aufbauend dann den Mut zu stärken, genau dies zu kommunizieren, wann immer es nötig ist. Um unsere Grenzen zu bewahren und unsere Herzen zu füllen.“
In ihrem Buch
„Nie zu wissen, wo man hingehört“
verbindet Anja Buntz persönliche Erfahrungen mit Coaching-Impulsen für Frauen, die ihren eigenen Weg suchen, sich mehr Selbstvertrauen wünschen und mutig bei sich selbst ankommen möchten.

Ich finde diesen anderen Blick auf Stark sein und Mut sich selbst zu begegnen, irre spannend. Werden doch wir Frauen nur zu oft an Äußerlichkeiten und generell der Zufriedenheit unseres Umfeldes mit uns gemessen. Und nicht nur andere bewerten uns, nein, wir selbst sind oft unsere härtesten Kritiker. In dem Zusammenhang möchte ich noch auf das Thema Wechseljahre zu sprechen kommen. Gerade ab der Perimenopause verändert sich für viele Frauen nicht nur der Körper merklich, sondern auch das emotionale Gleichgewicht. Welchen Blick hast du auf diese Lebensphase aus Coachingsicht?
„Da ich in den Wechseljahren noch nicht angekommen bin, tu ich mir persönlich noch etwas schwer, das nachzufühlen. Was ich natürlich aus der Umgebung wahrnehme und auch bei gleichaltrigen Frauen, die sich in der Perimenopause befinden, dass sich in dieser Phase sehr viel bewegt, sowohl körperlich als auch emotional und dass dies manchmal so chaotisch ist, dass man sich in diesem Durcheinander nicht mehr erkennen kann. Dabei ist es ja auch eine Lebensphase, in der man in ein komplett anderes Licht treten kann. Vielleicht ist es sogar der Lebensabschnitt, in dem wir endlich erkennen, wer wir tatsächlich sind. Weil wir mit all unserer Erfahrung mutig genug sind, uns selbst im Kern zu entfesseln.
Daher dürfen wir aus meiner Sicht nochmal eine Schippe drauflegen, wenn es heißt, den positiven Umgang mit uns selbst zu praktizieren. Das bedeutet, wenn wir uns gerade gar nicht ausstehen können, weil sich überall Schweißflecken bilden, dass wir dann noch liebevoller mit uns umgehen, noch mehr Akzeptanz walten lassen und noch mehr Mut haben müssen, so zu sein wie wir sind. In unserer gesamten Range von stark bis schwach.
Auch wenn ich noch nicht in den Wechseljahren bin, hab ich natürlich das Handwerkszeug, Menschen darin zu begleiten. Es ist allgemein betrachtet eine Phase der Veränderung, die jede Altersklasse mindestens einmal durchläuft. Das Schöne am Coaching ist ja, dass ich damit ganz individuell begleiten und stets auf das aktuelle Bedürfnis meiner Klientinnen eingehen kann.
Welche Erfahrungen machst du im Pilates, liebe Sabine?„
Was du beschreibst – diesen liebevolleren Umgang mit sich selbst in einer Phase, in der körperlich und emotional vieles in Bewegung gerät – erlebe ich im Pilates sehr ähnlich. Die Wechseljahre gehören für mich zu den spannendsten Themen in meiner Arbeit mit Frauen. Hormonelle Veränderungen können sich auf Stimmung, Schlaf, Stressempfinden und natürlich auch auf den Körper auswirken. Viele Frauen erleben Phasen, in denen sie ihre Kraft vermissen, sich erschöpft fühlen oder das Gefühl haben, ihrem Körper nicht mehr ganz zu vertrauen.
Genau hier kann Pilates auf mehreren Ebenen unterstützen. Für mich geht es dabei nicht darum, den Körper zu optimieren oder Symptome einfach wegzutrainieren. Es geht vielmehr darum, wieder in Kontakt zu kommen: mit der Atmung, mit der Körpermitte, mit Beweglichkeit, Stabilität und Kraft – ohne die Gelenke unnötig zu belasten. Und es geht um die mentale Komponente: um Ruhe, Orientierung und das Gefühl, sich im eigenen Körper wieder sicherer zu fühlen.
Diese Qualität von Pilates ist für mich aber nicht nur in den Wechseljahren wertvoll. Pilates und Faszientraining können in jeder Lebensphase helfen, mehr Leichtigkeit und Freude an Bewegung zu erfahren – unabhängig von Alter oder Fitnesslevel. Wenn sich alltägliche Bewegung steif und schwer anfühlt, wird Bewegung schnell negativ besetzt. Dann ziehen wir uns oft zurück oder schonen uns zu sehr, obwohl passende, achtsame Bewegung häufig genau der Weg ist, um Vertrauen und Beweglichkeit zurückzugewinnen.
Damit schließt sich für mich der Kreis zu unserem Gespräch: Bewegung ist nie nur körperlich. Sie verändert, wie wir uns wahrnehmen, wie wir mit uns umgehen und wie viel Zutrauen wir in uns selbst entwickeln.
Liebe Anja, das war ein sehr interessantes und inspirierendes Gespräch. Vielen Dank für deine Perspektive, deine Impulse und den offenen Austausch. Ich finde, es ist sehr deutlich geworden, dass Pilates und Mental Coaching mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ich freue mich schon jetzt darauf, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen.
Wichtiger Hinweis
Mental Coaching und Pilates Training ersetzen keine Diagnostik oder ärztliche Therapie!
